Sarah und Rahel (Clue Writing)

Patientinnen: Sarah und Rahel (Clue Writing)
Erstdiagnose: Verdacht auf SCHREIBEN
Symptome: blühende Fantasie und zwanghaftes Geschichten erzählen, schreiben Science Fiction, Satire und Comedy, Adventure, Psychothriller, Horror, Satire uvm.
Aktenvermerk: PATIENTINNEN DOKUMENTIEREN SUCHTVERHALTEN

Coming-out: Wir haben SCHREIBEN

Gedächtnisprotokoll der Behandlung:

Minutenlang sitzen sich Sarah & Rahel und Lord Autoris schweigend gegenüber. Schließlich halten es die Patientinnen nicht länger aus und ergreifen das Wort:

Sarah und Rahel - Clue Writing - Schreiben

Sarah und Rahel: Wir haben SCHREIBEN

Lord Autoris nickt zufrieden.

1. Nun ist es raus, wie fühlt ihr euch?

Sarah: Hungrig. Ich fühle mich verdammt nochmal immer, aber auch wirklich immer, hungrig!

Rahel: Hyperaktiv-träge mit unstillbarem Verlangen nach Kaffee, Mandarinen und Hüttenkäse.

2. Wann und wie habt ihr euch mit SCHREIBEN infiziert?

Sarah: Im Gegensatz zu den freundlichen Trojanern, mit denen ich in meiner Jugend wehrlose PCs infiziert habe, ist die Ursache für meine Schreibinfektion nicht auf einer 100 MB ZIP-Diskette sicher in meinem Keller gebunkert. Zugegeben, welcher Virus das war, weiß ich nicht mehr so genau, denn ich habe schon als Kind Abenteuergeschichten verfasst, mit meinen Hauskatzen als heldenhafte Protagonisten, die sich jeder Gefahr stellten, statt sich unter der Couch zu verkriechen. Der unstillbare Drang, all den Müll, der sich in meinen Gehirnwindungen tagtäglich so ansammelt, mit der Welt zu teilen, wurde bisher von den zuständigen Behörden noch nicht als Literatenzombie-Virus erkannt, was mich in langen Nächten manchmal etwas nachdenklich stimmt …

Rahel: In meiner Jugend litt ich unter einer Schreibkältung, die Genesung erfolgte jedoch rasch durch die hochdosierte Verabreichung von Zeichenmaterialien, Videospielen und alterstypischen Null-Bock-Einstellung. Allerdings scheint diese Schreibkältung nicht zur Bildung von Abwehrstoffen geführt zu haben, denn es war Sarah ein Leichtes mich im Jahr 2012 erneut zu infizieren. Dieses Mal konnte mein Immunsystem nicht standhalten, weswegen ich gleich Opfer einer Doppelinfektion mit Schreiben und Sturheit wurde.

3. Wie geht dein persönliches Umfeld mit deiner Krankheit um und wer muss am meisten unter ihr leiden?

Sarah: Umgehen müssen sie wohl oder übel alle, denn ich bin nun mal nicht dafür bekannt, die Klappe halten zu können. Mit beinahe kindlicher Begeisterung quatsche ich auf meine Mitmenschen ein, die mit mir eigentlich über vermeintlich normale Dinge wie Beziehungen, Reisen zum Europapark oder Kriege sprechen wollen, während ich sie zu überzeugen versuche, dass Reisen zu den Sternen, Kriege in unserer Zukunft, Zombies und Geheimagenten nicht minder relevant sind, wenn sie aus meiner unbestreitbaren Genialität gedeihen. Die beobachtbaren Reaktionen meiner sozialen Bezugspersonen reichen von aufrichtiger Besorgnis über Verzweiflung bis hin zu Sarah-Fangirltum, was, wie ihr euch sicherlich denken könnt, mein persönlicher Favorit ist. Nicht vergessen werden darf aber an dieser Stelle der hochvernünftige Ansatz, die schrullige Sarah davon zu überzeugen, dass es auch eine reale Welt gibt, was manchmal mehr, meist aber weniger von Erfolg gekrönt ist.

Rahel: Der Doktor Hund und Professor Vogel halten sich beide wacker. Zur Unterstützung besuchen sie täglich eine Selbsthilfegruppe im Freien und teilen mir ihre Sorge um mich meist lautstark mit – offene Kommunikation soll ja wichtig sein für die Angehörigen. Ich muss jedoch sagen, dass ich mich langsam zu wundern beginne, ob der ausufernde Erdnuss-Konsum des Professors etwas mit meiner Krankheit zu tun haben könnte …
Alle anderen können wir hier getrost ignorieren, da sie die Freiheit haben, grinsend von Dannen zu schlendern, sollte meine Erkrankung ihnen Leid zufügen.

4. Steht ihr viel in Kontakt mit anderen Infizierten und nutzt Selbsthilfegruppen im Internet?

Sarah: Nun ja, Kontakt ist übertrieben, denn wenn wir ehrlich sein wollen sind Menschen doch ziemlich anstrengend und zeitaufwendig. Aber dafür haben wir ja Rahel, die nun wirklich pflegeleicht ist, so lange man ihre Gunst mit regelmäßigen Gaben in Form von Mandarinen erkauft. Und für den restlichen Kontakt gibt es die wunderbare Welt der sozialen Medien, wo ihr mich überall dort stalken könnt (was ihr sicherlich wollt, weil ich ja so interessant bin), wo ihr auch Clue Writing findet.

Rahel: Sarah ist gleichermaßen meine langjährige Leidensgenossin und schlimmste Rückfallfaktor. Und nein, ich besuche keine Selbsthilfegruppen, Clue Writing IST die Selbsthilfegruppe für alle Schreib- und Lesewütigen – na, hab ich das mit der Eigenwerbung nicht grandiotastisch elegant gemacht?

5. Wart ihr schon auf den als Buchmessen getarnten Infiziertentreffen in Frankfurt und Leipzig und wie hat es euch dort gefallen?

Sarah: Nun ja. Sarah atmet tief durch, lehnt sich zurück, starrt zur Decke, wird rot, setzt nach langem Drucksen zu einer Antwort an. Offen gestanden, ich habe Angst vor so vielen Leuten auf einem Haufen, die durcheinanderwuseln wie aufgescheuchte Eichhörnchen auf Ritalin. Sie kichert blöd über den Witz, den bisher nur sie lustig gefunden hat. Aber keine Bange, so schlimm ist es auch wieder nicht, sobald ich einen Stand haben und die Leute zu mir kommen müssen, ist es bedeutend besser, vor allem, wenn mir alle Kekse bringen …
Sie versucht krampfhaft ernst zu wirken, es misslingt ihr kläglich. Nein, wisst ihr was? Ich bin jetzt ausnahmsweise mal eine Diva, ich gehe, wenn ihr mich einlädt und hinfährt! Punktum und Schluss!

Rahel: Nein, bislang leide ich in trauter Zweisamkeit und den digitalen Massen. Ob es mir da gefallen würde oder nicht, kann ich dennoch beantworten … Hunderte von gleichgesinnten Menschen, Verpflegungsstände, Flyer, Small Talk und Händeschütteln, erzeugt Niesreiz und stimuliert meine graue Materie auf ähnliche Art und Weise wie Fußballspiele. Ich bin eher der Typus Autor, den man mit Bademantel, Eistee und verknoteter Frisur irgendwo weitab im Waldhaus antrifft. Aber weil ihr es seid, liebe Damen und Herren Literaten der Buchszene, werde ich bestimmt irgendwann mein Lächeln aufschnallen und euch mit Freuden besuchen.

Lord Autoris unterbricht die Sitzung und wirft einen Blick in seine Kristallkugel. Bei der Betrachtung der Zukunft kann er sich ein Lächeln nicht verkneifen…

6. In eurem nächsten Leben werdet ihr in einem Roman wiedergeboren. Irgendwelche Wünsche?

Sarah: Hui, jetzt werdet ihr aber richtig gemein, werter Lord Autoris, diese Aufgabe überfordert meine blassgrauen Zellen doch gar! Die Masochistin in mir will laut, ja, verdammt laut „Goethes Faust“ schreien, doch nein, ich möchte nicht wie ein Pudel aussehen, also bleibt nur die einzig logische Antwort: „Was für eine Frage, oh Sterblicher – natürlich in meinem Roman!“

Rahel: Irgendwie gelüstet es mich, einen Zombie-Wälzer zu nennen. Ihr wisst schon, weil ich ein durch und durch gestörter Mensch bin, der es auf absurde Weise witzig fände, mit einer Axt Leichen zu jagen. Aber nein, der Pragmatiker in mir will das nicht zulassen, weshalb ich mich für Jule Vernes „Le Tour du monde en quatre-vingts jours“ weil … ist das nicht selbsterklärend?

7. Wir schreiben das Jahr 2163, die Welt liegt in Schutt und Asche. Die Menschheit wird nach dem Arche-Noah-Prinzip evakuiert. Welche zwei Autoren sollten gerettet werden?

Sarah: Nun, als Science-Fiction-Autorin von nie dagewesener Genialität nehme ich für mich in Anspruch, die Zukunft ausreichend zu kennen, um diese Frage ohne jeden Zweifel zu beantworten! Einerseits ist dies Melinda Nanh, geboren am 7. Februar 2135, andererseits Franklin Groves, geboren am 12. Juli 2110 – ihre Texte werden die weitere Geschichte der Menschheit nachhaltig beeinflussen!

Rahel: Ehrliche Antwort? Keine. Sofern die Plätze auf diesem Sternenkreuzer begrenzt sind, sollte es mit Ingenieuren, Farmern, Physikern, Biologen, Lehrern und generell physisch robusten Menschen gefüllt werden. Die gute Neuigkeit ist, dass sich darunter bestimmt auch Autoren befinden.

8. Unglaublich, aber wahr, auch IHR werdet evakuiert. Ihr habt in der Bevölkerungs-Tombola je zwei Tickets für die Reise zum Mars gewonnen. Wen nehmt ihr mit und vor allem wer darf am Fenster sitzen?

Sarah: Nein, das ist nicht unglaublich – das ist die einzig logische Folge meines Lebens! Es besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass ich im einundzwanzigsten Jahrhundert die erste in der Schlange bin, Technologie in meinen Körper implantieren zu lassen. Als der Cyborg, der ich dann sein werde, wird es mir ein Leichtes sein, die Tombola zu manipulieren. Die nächste Frage erübrigt sich, denn mein Äquivalent zu „Bros before Hoes“ ist „Sisses before Misses“, also Rahel. Doch nein, den Fensterplatz kriegt sie nicht, auch wenn ich grösser bin.

Rahel: Da Sarah ebenfalls zwei Tickets gewonnen hat – Glückwunsch, übrigens. Treffen wir uns neben Curiosity zum Kaffee? – gehen meine Tickets an meinen besten Herrn Kumpel und seine Mutter – dürfe er die nicht mitnehmen, würde ich nie das Ende davon hören. Ich bin zwar bekannt dafür, seit Jahren rumzujammern, dass ich endlich auf den Mars will – ja, ich versuche weiterhin stur in die Mars One Mission reingeschleust zu werden und würde dafür in der Tat mein ganzes Leben ohne mit der Wimper zu zucken hinter mir lassen – aber wenn es hart auf hart kommt und die Erde tatsächlich untergehen würde, bastle ich eine Doktoren-Falle, klaue die Tardis und lache euch aus, wie ihr alle auf dem Mars festsitzt.

Aber das ist Zukunftsmusik. Lord Autoris verdeckt die Kristallkugel und blickt die Patientinnen ernst an.

9. Wie müssten – Stand heute – der Titel eurer Biografien lauten und welche Schauspieler wären die Idealbesetzung für die Verfilmung der Bücher?

Sarah: „Write on a Train, not in a Starbucks – The Legend of Sarah and her Stunning Ability to Adapt in a Hipster-Based Society“. Natürlich käme für meine Rolle nur eine Person in Frage: Lucy Liu. Nicht etwa, weil sie wie ich aussieht, nein (then again, sie hat auch dunkle Augen), sondern weil sie Lucy Liu ist. ‘nuff said.

Rahel: „Nice Try – Stubborn to the End“, in der Hauptrolle wünsche ich mir Cillian Murphy. Aber da Sie ja die Kristallkugel haben, Herr Doktor, wissen Sie bereits, dass mein Leben lediglich in einem Randsegment einer Dokumentation über die Darwin Awards verewigt werden wird.

10. Die Welt weiß nun, dass ihr SCHREIBEN habt. Was sollte sie sonst noch über euch wissen?

Sarah: Ich bin eine wahre, hochintelligente Schönheit! Oder so. Doch im Ernst: Ihr dürft alles, aber auch wirklich alles, über mich wissen, denn nein, ich verbiete es euch nicht. Natürlich könnte ich euch jetzt dreizehneinhalb Zeilen lang mit Etiketten von Schubladen, in denen ich trotz meinem Wohlstandsbauch passe, zukleistern, doch sind wir mal ehrlich, niemand will wirklich wissen, aus welchem Dorf ich stamme, was meine sexuelle Orientierung ist, ob ich Mac oder PC nutze, wie meine Weltherrschaftspläne aussehen oder ob ich auch nur halb so wahnsinnig bin, wie es manche gar schrullige Zeitgenossen von mir annehmen. Nein, was ihr wissen wollt, erfahrt ihr aus den unzähligen Kurzgeschichten auf Clue Writing und schon sehr bald im Buchhandel – alle anderen Fragen beantworte ich euch jederzeit (ja, jederzeit!) gerne auf der Facebook-Seite von Clue Writing oder meinen Begleitern bei einem ungezwungenen Blutbad in den Straßen von Los Santos. Und damit verabschiede ich mich mit einem Knicks.

Rahel: Was mich nervt, fasziniert mich, was mich fasziniert, bringt mich zum Lächeln, was mich zum Lächeln bringt, nervt mich früher oder später.
Ich bin eher der Mensch, der tut anstelle davon, medienwirksam zu darüber zu lamentieren. Ich lerne, zeichne, schreibe, game, albere oder höre nicht des Kultstatus Willen, sondern weil ich es wirklich tun will und das, ohne Rücksicht auf (Schlaf-) Verluste, so gut wie nur irgendwie möglich. Ob man mich kennt, schätzt oder überschätzt, interessiert mich in der Regel wenig, solange ich mich selbst ständig mit neuen Herausforderungen beschäftigen darf und die Welt der Naturwissenschaft und Kunst (ich rede von Kunst, die Handwerk voraussetzt, nicht von Kinderzeichnungen) mich jeden Tag aufs Neue packt. Niemand muss jemals irgendetwas über mich wissen, solange man eifrig Clue Writing liest.

Lord Autoris bedankt sich für das Gespräch und bittet die Patientinnen zur weiteren Behandlung in einen Nebenraum. Als die Patientinnen den Raum verlassen haben, schließt er die Akte und donnert einen Stempel auf den Einband.

INFIZIERT – Heilung ausgeschlossen!

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