Jasmina Marks

Patientin: Jasmina Marks
Erstdiagnose: Verdacht auf SCHREIBEN
Symptome: blühende Fantasie und zwanghaftes Geschichten erzählen (Romane)
Aktenvermerk: PATIENTIN DOKUMENTIERT SUCHTVERHALTEN

Coming-out: Ich habe SCHREIBEN

Gedächtnisprotokoll der Behandlung:

Minutenlang sitzen sich Jasmina und Lord Autoris schweigend gegenüber. Schließlich hält es die Patientin nicht länger aus und ergreift das Wort:

Jasmina Marks

Ich habe SCHREIBEN!

Lord Autoris nickt zufrieden.

1. Nun ist es raus, wie fühlst du dich?

Erleichtert!

2. Wann und wie hast du dich mit SCHREIBEN infiziert?

Hmm – mal überlegen …. grübel … solange ich denken kann, glaube ich … schon in der Grundschule … oder so! Vermutlich, also so richtig, nachdem ich einen Computer vor die Nase bekam, weil das viel schneller ging, und meine Finger endlich meinen Gedanken folgen konnten … oder so ähnlich – ja, genau … so war es!!!

3. Wie geht dein persönliches Umfeld mit deiner Krankheit um und wer muss am meisten unter ihr leiden?

Nicht so toll, irgendwie zumindest. Am meisten leidet mein Sohn, wenn ich wieder mal nicht ansprechbar bin und verbissen auf der Tastatur rumhacke, nur selten den Kopf vom Bildschirm wende und mal wieder sein Essen auf dem Herd vergessen habe … schäm! Aus dem Schnitzel Briketts geworden sind und selbst das Nudelwasser völlig verdampft ist und diese am Topfboden festbrennen!
Alle anderen erleben das eher peripher und schütteln mit dem Kopf, weil ich keine Lust habe, irgendwohin zu gehen und stundenlang vorm Rechner hocke. „Du bist doch nicht ganz dicht!“ heißt es dann. „Lebst am Leben vorbei!“ Was ich immer mit gesenktem Haupt über mich ergehen lassen muss, mich schlecht fühle und trotzdem nicht anders kann.

4. Stehst du viel in Kontakt mit anderen Infizierten und nutzt Selbsthilfegruppen im Internet?

Ich weiß, dass es auch andere Betroffene gibt und bin immer heilfroh, wenn einer meinen Weg kreuzt, dann fühle ich mich weniger allein. Allerdings bin ich noch nicht zu einer Selbsthilfegruppe dazugestoßen, weil ich Angst vor Heilung habe. Ich WILL gar nicht geheilt werden … fehlt mir die Einsicht, offensichtlich!

5. Warst du schon auf den als Buchmessen getarnten Infiziertentreffen in Frankfurt und Leipzig und wie hat es dir dort gefallen?

Nein, leider nicht persönlich, mein Buch war schon in Frankfurt. Ich selbst kann Massenveranstaltungen dieser Größenordnung nicht ertragen, fühle mich da so unwohl und vermeide das tunlichst!

Lord Autoris unterbricht die Sitzung und wirft einen Blick in seine Kristallkugel. Bei der Betrachtung der Zukunft kann er sich ein Lächeln nicht verkneifen…

6. In deinem nächsten Leben wirst du in einem Roman wiedergeboren. Irgendwelche Wünsche?

JA nee ist klar! Scarlett O‘Hara will ich nicht, und wen anders auch nicht … wenn ich schon wiedergeboren werden muss, soll oder wie auch immer, dann sollte man den Roman erstmal noch schreiben! Mach ich am Besten selbst, dann kann ich auch bestimmen, was wie wann wo und mit wem passiert … oder so ähnlich!!!

7. Wir schreiben das Jahr 2163, die Welt liegt in Schutt und Asche. Die Menschheit wird nach dem Arche-Noah-Prinzip evakuiert. Welche zwei Autoren sollten gerettet werden?

Wer lebt denn dann noch??? Also, ich nicht mehr, soviel steht fest! Vielleicht wer, der was aufmunterndes fabriziert, was zum Lachen und nichts auch nur ansatzweise deprimierendes … wenn ohnehin schon alles Blöde ist … ich mein ja nur!

8. Unglaublich, aber wahr, auch DU wirst evakuiert. Du hast in der Bevölkerungs-Tombola zwei Tickets für die Reise zum Mars gewonnen. Wen nimmst du mit und vor allem wer darf am Fenster sitzen?

Mein Herzblatt nehme ich mit, ist doch klar… Da ich zwei Söhne habe und die dann vermutlich ihre Frauen, ist das schwierig, weil ich dann einen von beiden benachteiligen müsste, was ich nicht kann. Bleibt nur, ich mach es selbst … und den Fensterplatz kann sie haben, ich lunse dann über sie hinweg, sozusagen!
Letztendlich aber würde ich es nicht übers Herz bringen, meine Kinder zurückzulassen und die Annahme der Tickets dankend ablehnen – soll jemand anders sich mit der Freude auf ein neues Leben in trauter Einigkeit mit den grünen glibbrigen Marsbewohnern rumschlagen – ich bleibe dann mal hier, bei denen, die ich liebe!!!

Aber das ist Zukunftsmusik. Lord Autoris verdeckt die Kristallkugel und blickt die Patientin ernst an.

9. Wie müsste – Stand heute – der Titel deiner Biografie lauten und welcher Schauspieler wäre die Idealbesetzung für die Verfilmung des Buchs?

„Vom Patt ab und doch nicht total bescheuert!“ So in dieser Richtung vielleicht … Wer das spielen sollte? So eine Type wie Annette Frier vielleicht, ein bisschen schusselig, aber von Herzen gut … oder Bette Middler, das würde auch in etwa hinkommen …

10. Die Welt weiß nun, dass du SCHREIBEN hast. Was sollte sie sonst noch über dich wissen?

Ich bin NICHT gewillt, mich heilen zu lassen … es ist wie eine Sucht, wie ein Lebenselixier, dem ich nicht ausweichen kann … ich möchte Schreiben, ich will Schreiben, ich kann ohne Schreiben nicht leben … nehmt mich doch einfach so, wie ich bin – BITTEEEE!!!!

Lord Autoris bedankt sich für das Gespräch und bittet die Patientin zur weiteren Behandlung in einen Nebenraum. Als die Patientin den Raum verlassen hat, schließt er die Akte und donnert einen Stempel auf den Einband.

INFIZIERT – Heilung ausgeschlossen!

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Herzlich willkommen in der Klinik von Lord Autoris. Falls du SCHREIBEN hast, kannst du dich hier frei bewegen. Für alle anderen gilt: höchste Ansteckungsgefahr!

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