Evelyn Barenbrügge

Patientin: Evelyn Barenbrügge
Erstdiagnose: Verdacht auf SCHREIBEN
Symptome: blühende Fantasie und zwanghaftes Geschichten erzählen
Aktenvermerk: PATIENTIN DOKUMENTIERT SUCHTVERHALTEN

Coming-out: Ich habe SCHREIBEN

Gedächtnisprotokoll der Behandlung:

Minutenlang sitzen sich Evelyn und Lord Autoris schweigend gegenüber. Schließlich hält es die Patientin nicht länger aus und ergreift das Wort:

Evelyn Barenbrügge

Evelyn Barenbrügge: Ich habe SCHREIBEN

Lord Autoris nickt zufrieden.

1. Nun ist es raus, wie fühlst du dich?

Es wurde Zeit, dass ich endlich darüber sprechen, endlich dazu stehen darf. Danke, ich fühle mich erleichtert. Jetzt könnte ich fliegen.

2. Wann und wie hast du dich mit SCHREIBEN infiziert?

Ich habe mich vor einigen Jahren bei der Zeitung infiziert. Plötzlich bevölkerten kleine Wesen meinen Geist, vermehrten sich und stritten mit meinem Selbsterhaltungstrieb. Ich wollte als Journalistin solide arbeiten und Geld verdienen, doch die Kopffiguren wollten ihre eigene Geschichte erzählen. Immer wieder zwang der Virus meine Finger, über die Tastatur zu irren. Sie setzten Buchstaben zu Wörtern zusammen, die nur die hinterlistigen Winzlinge in meinen Denkprozess eingeschleust haben konnten.

3. Wie geht dein persönliches Umfeld mit deiner Krankheit um und wer muss am meisten unter ihr leiden?

Wer mag schon gern belächelt werden ob der brotlosen Kunst. Also verkriech ich mich hinter meinen ungeputzten Fenstern, verberge mich vor der Öffentlichkeit … wenn ich nicht gerade Geldverdienen muss, damit etwas zu Essen auf den Tisch kommt. Aber, meine zwei- und vierbeinigen Hausgeister verpassen mir bei Lebensgefahr eine Streicheleinheit oder fordern sie notfalls auch ein, wenn ich mich zu lang hinter dem Bildschirm verstecke.

4. Stehst du viel in Kontakt mit anderen Infizierten und nutzt Selbsthilfegruppen im Internet?

Ja schon, aber ich komme mir immer vor wie in einem Wartezimmer, wo alle über ihre Krankheiten reden, jeder weiß es besser, als der Arzt, doch keiner hat Medizin studiert, keiner weiß, was gegen den Virus getan werden kann. Also ich bin zu dem Schluss gekommen, traue niemandem außer deinem Lektor, denn wenn du bei dem gelandet bist, dann wird dir geholfen.

5. Warst du schon auf den als Buchmessen getarnten Infiziertentreffen in Frankfurt und Leipzig und wie hat es dir dort gefallen?

Ja, da wimmelt es nur so von Infizierten, bin mehrfach anonym in Leipzig herumgetingelt und erstarrte vor Ehrfurcht vor diesen riesigen Buchregalen, die bis unter die Decke reichten. Je höher sie waren, desto kleiner fühlte ich mich. Ist es erstrebenswert, dort in der oberen Reihe zu stehen?

Lord Autoris unterbricht die Sitzung und wirft einen Blick in seine Kristallkugel. Bei der Betrachtung der Zukunft kann er sich ein Lächeln nicht verkneifen…

6. In deinem nächsten Leben wirst du in einem Roman wiedergeboren. Irgendwelche Wünsche?

Ich wär gern ein Baumeister, der mit einfachen Mitteln zur Zeit Leonardo da Vincis etwas Verblüffendes erstellt.

7. Wir schreiben das Jahr 2163, die Welt liegt in Schutt und Asche. Die Menschheit wird nach dem Arche-Noah-Prinzip evakuiert. Welche zwei Autoren sollten gerettet werden?

Es gibt zu viel gute Autoren, die ich gern retten würde und nur zwei auszusuchen ist sehr schwer, aber ich würde mich unbedingt für Andre Brink und Peter Hoeg entscheiden. Ihr Umgang mit der Sprache sollte erhalten bleiben.

8. Unglaublich, aber wahr, auch DU wirst evakuiert. Du hast in der Bevölkerungs-Tombola zwei Tickets für die Reise zum Mars gewonnen. Wen nimmst du mit und vor allem wer darf am Fenster sitzen?

Meine persönliche Beraterin und Lektorin Christine, die selbstverständlich am Fenster sitzen darf, damit sie den Durchblick behält.

Aber das ist Zukunftsmusik. Lord Autoris verdeckt die Kristallkugel und blickt die Patientin ernst an.

9. Wie müsste – Stand heute – der Titel deiner Biografie lauten und welcher Schauspieler wäre die Idealbesetzung für die Verfilmung des Buchs?

Wer außer mir, kann schon die Idealbesetzung für die Verfilmung meiner Biografie sein. Der Titel? Es ist nie zu spät, anzufangen.

10. Die Welt weiß nun, dass du SCHREIBEN hast. Was sollte sie sonst noch über dich wissen?

Die Welt sollte den Versuch unternehmen, sich nach mir umzusehen, wenn sie mehr über mich wissen will. Na ja, ein kleiner Vorgeschmack ist auf meiner Webseite, falls die Welt sich die Mühe machen möchte, dort einmal vorbeizuschauen. Ist allerdings ansteckend.

Lord Autoris bedankt sich für das Gespräch und bittet die Patientin zur weiteren Behandlung in einen Nebenraum. Als die Patientin den Raum verlassen hat, schließt er die Akte und donnert einen Stempel auf den Einband.

INFIZIERT – Heilung ausgeschlossen!

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Herzlich willkommen in der Klinik von Lord Autoris. Falls du SCHREIBEN hast, kannst du dich hier frei bewegen. Für alle anderen gilt: höchste Ansteckungsgefahr!

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