Aurelia L. Porter

Patientin: Aurelia L. Porter
Erstdiagnose: Verdacht auf SCHREIBEN
Symptome: blühende Fantasie und zwanghaftes Geschichten erzählen (History & Mystery, Phantastische Literatur)
Aktenvermerk: Patientin dokumentiert Suchtverhalten

Coming-Out: Ich habe SCHREIBEN

Gedächtnisprotokoll der Behandlung:

Minutenlang sitzen sich Aurelia L. Porter und Lord Autoris schweigend gegenüber. Schließlich hält es die Patientin nicht länger aus und ergreift das Wort:

Aurelia L. Porter - Schreiben

Aurelia L. Porter: Ich habe SCHREIBEN

Lord Autoris nickt zufrieden.

1. Nun ist es raus, wie fühlst du dich?

Wie eine Göre, die eine große Dummheit gebeichtet hat.

2. Wann und wie hast du dich mit SCHREIBEN infiziert?

Wann? An einem kalten Januarmorgen vor 9 Jahren. Wie? Das wüsste ich auch gern!

3. Wie geht dein persönliches Umfeld mit deiner Krankheit um und wer muss am meisten unter ihr leiden?

Mittlerweile haben sich alle daran gewöhnt oder haben sich in eigene Krankheiten geflüchtet. So hat mein Sohn schon seit vielen Jahren Musik. Und meine Tochter hat sich seit Kurzem mit Vidding infiziert.
Am meisten leidet darum mein noch gesunder Ehemann, da vor 21 Uhr selten das Abendessen auf dem Tisch steht und er sich in der übrigen Zeit in einem Geisterhaus wähnt.

4. Stehst du viel in Kontakt mit anderen Infizierten und nutzt Selbsthilfegruppen im Internet?

Den Umgang mit anderen Infizierten halte ich bewusst in Grenzen, sonst meint man schnell, die ganze Welt wäre schreibkrank. Der Kontakt zu Gesunden ist mir wichtig. Man sollte sich stets klar machen, dass es auch andere Lebensformen gibt.

5. Warst du schon auf den als Buchmessen getarnten Infiziertentreffen in Frankfurt und Leipzig und wie hat es dir dort gefallen?

Das habe ich bisher erfolgreich vermieden, aber dieses Jahr komme ich nicht mehr drum herum. Ein wenig graut mir schon davor, lauter Infizierten zu begegnen und über nichts als diese unheilbare Krankheit zu sprechen. Wer weiß? Vielleicht erfährt mein Schreiben dadurch einen lebensgefährlichen Schub?

Lord Autoris unterbricht die Sitzung und wirft einen Blick in seine Kristallkugel. Bei der Betrachtung der Zukunft kann er sich ein Lächeln nicht verkneifen…

6. In deinem nächsten Leben wirst du in einem Roman wiedergeboren. Irgendwelche Wünsche?

Klar, in meinem eigenen! Ob es mir dort gefallen würde, wage ich allerdings zu bezweifeln: 19. Jahrhundert im viktorianischen England und im Fürstentum Rumänien, wo ständig höchst seltsame und unerklärliche Dinge geschehen … Außerdem gab’s zu jener Zeit weder Laptop noch Tiefkühlkost – zwei unverzichtbare Dinge für Schreib-Infizierte. Wer etwas anderes behauptet, lügt! Oder haben Sie irgendwelche Patienten, die Zeit zum Bleistiftspitzen oder Grünkohlkochen finden?
Obendrein wäre es eine spannende Erfahrung, den eigenen Romanfiguren zu begegnen. Ich müsste mich bloß davor hüten, mich zu erkennen zu geben. Das könnte nämlich gefährlich werden. Ich sehe mich schon mit etlichen Veilchen und Kratzspuren. Oder Schlimmeres!

7. Wir schreiben das Jahr 2163, die Welt liegt in Schutt und Asche. Die Menschheit wird nach dem Arche-Noah-Prinzip evakuiert. Welche zwei Autoren sollten gerettet werden?

Thomas Mann – aber der ist ja eh schon tot. Hmm, mir fallen nur tote Schriftsteller ein, oje! Ich muss gründlich darüber nachdenken …

8. Unglaublich, aber wahr, auch DU wirst evakuiert. Du hast in der Bevölkerungs-Tombola zwei Tickets für die Reise zum Mars gewonnen. Wen nimmst du mit und vor allem wer darf am Fenster sitzen?

Da möchte ich mich lieber nicht festlegen. Das lasse ich mir bis zuletzt offen. Der Fensterplatz aber ist meiner – schließlich bin ich die Gewinnerin!

Aber das ist Zukunftsmusik. Lord Autoris verdeckt die Kristallkugel und blickt die Patientin ernst an.

9. Wie müsste – Stand heute – der Titel deiner Biografie lauten und welcher Schauspieler wäre die Idealbesetzung für die Verfilmung des Buchs?

„Aurelia und wie sie die Welt sah“ oder „Aurelia – Im Labyrinth der Buchstaben“ oder „Die unwahrscheinliche Schreibreise der Aurelia P.“ oder …
Schauspielerin: Maggie Smith – aber nur weil sie meine absolute Lieblingsschauspielerin ist und so very british! Sie würde die betagte Aurelia spielen, die aus ihrem Leben berichtet – die in der Maske können heutzutage Wunder vollbringen und aus einem fast 80-jährigen Gesicht locker 30 Jahre wegzaubern – passt schon!

10. Die Welt weiß nun, dass du SCHREIBEN hast. Was sollte sie sonst noch über dich wissen?

Ist das nicht schon schlimm genug? Soll ich mich jetzt völlig der Lächerlichkeit preisgeben?

Lord Autoris bedankt sich für das Gespräch und bittet die Patientin zur weiteren Behandlung in einen Nebenraum. Als Aurelia L. Porter den Raum verlassen hat, schließt Lord Autoris die Akte und donnert einen Stempel auf den Einband.

INFIZIERT – Heilung ausgeschlossen!

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